INTR°A Projektpreis 2010
für Komplementarität der Weltreligionen
Verleihung des INTR°A-Projektpreises für Komplementarität der Religionen am
14. November 2010 in Schloss Eichholz / Wesseling an die christlich-islamische Projektgruppe

„Begegnen – Entdecken – Bereichern“ in Esslingen
Die Kirchengemeinde St.Bernhard in Esslingen leistet mit ihrer Veranstaltungsreihe
„Begegnen – Entdecken – Bereichern“ Basisarbeit im allerbesten Sinne. Gegründet
wurde das Projekt als Reaktion auf erste Ressentiments im Stadtteil nach dem 11.
September 2001. Es setzt auf Nachbarschaftlichkeit durch Begegnung und besseres
Kennenlernen in einem potenziell konfliktträchtigen Stadtteil, und dies erfolgreich
nun schon seit 5 Jahren (nach einer intensiven Vorbereitungsphase).
Zwei- bis dreimal jährlich lädt ein Vorbereitungskreis, der aus christlichen und
muslimischen Mitgliedern besteht, zu einem Begegnungsabend ein, der mit Rücksicht
auf die angesprochenen Familien freitags am frühen Abend von 18 bis 20 Uhr stattfindet.
Über die lokalen Kindergärten werden viele Familien erreicht, die zahlreich kommen,
zumal auch für gutes Essen und Kinderbetreuung gesorgt ist. Man erkennt sich wieder,
spricht und isst miteinander, und gar nicht so selten gibt es bunte fröhliche Kreistänze,
an denen sich fast alle beteiligen. Mit dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“, gesungen
auf Deutsch oder Türkisch, endet der Abend.
Jeder Abend steht außerdem unter einem bestimmten Motto, indem die jeweils anderen
auf unterhaltsame Weise über Besonderheiten der eigenen Kultur bzw. Religion informiert
werden. Jeder lässt den anderen dort, wo er ist – und doch (oder vielleicht gerade
dadurch) sind über die Jahre Fortschritte erkennbar: So finden an diesen Abenden,
aber auch in weiteren Initiativen, die von dort ausgehen, gerade die Frauen – mit
Kopftuch oder ohne – den Mut dazu, etwas vorzutragen, zu organisieren oder sogar
einen Kurs anzubieten.
Umgangssprache ist übrigens überwiegend Deutsch – nicht nur in dem Freundinnen-Kreis,
bestehend aus einer Türkin, einer Kurdin und einer Irakerin, die sich hier kennen
gelernt haben. Aber nicht nur die Migranten haben etwas von der Veranstaltungsreihe,
sondern auch die christlichen „Ureinwohner“ (die z.T. kürzer in Esslingen leben als
die Asylanten).

Der Prozess der Klärung der Glaubensvorstellungen im (noch) überwiegend christlichen
Vorbereitungsteam ist anstrengend, aber fruchtbar. Er bietet den sonst sich eher mit
Argwohn betrachtenden Gruppierungen im breiten Spektrum württembergischer Religiosität
den Raum und die Herausforderung, miteinander ins Gespräch zu kommen – was nicht heißt,
dass dann offiziell alle mit einer Stimme sprechen müssen.
Umgekehrt wagen manche Muslime es, sich von formelhaften Glaubenssätzen zu lösen –
ein Riesenschritt, wenn man bedenkt, das schon ein Nachdenken über Gott in ihrer
Tradition gleichbedeutend mit Zweifel und Abfall vom Glauben sein kann.
Auf beiden Seiten scheint das Vertrauen im Lauf der fünf Jahre gewachsen zu sein.
Insgesamt ist dieses Projekt also ein gelungenes Beispiel für die Komplementarität
der Religionen – und dabei noch ein Low-Budget-Projekt, ein Beispiel dafür, wie auch
mit wenig Geld viel erreicht werden kann. Kleine Schritte zählen eben oft mehr als
große Entwürfe. „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ sagte Martin Buber – dies hat
das Projekt „Begegnen – Entdecken – Bereichern“ auf besonders schöne Art und Weise
gezeigt.

Der mit 5000,00 € dotierte INTR°A–Projektpreis für Komplentarität der Religionen
wurde im Rahmen einer internationalen Konferenz am 14.November 2010 in Wesseling
bei Bonn verliehen.
Silke Wollinger-Helwig
11 / 2010